Podcaster-Manifest
(Entwurf mit heißer Nadel gestochen und lt. Kennzeichnungspflicht als Satire ausgewiesen)
1. Podcasting ist anders.
Es schafft andere Öffentlichkeiten, andere Austauschplattforen und andere Kulturtechniken. Die Podcaster müssen ihre Arbeitsweise der technologischen Realität anpassen, statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen. Sie haben die Pflicht, auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik den/das bestmögliche Journalismus/Entertainment zu entwickeln – das schließt neue Produkte und Methoden mit ein.
2. Podcasting ist ein Medienimperium in der Hosentasche.
Das Web ermöglicht neue Medienrezeptionssysteme: Es überwindet deren bisherige Begrenzungen und Oligopole. Veröffentlichung und Verbreitung auditiver und audiovisueller Inhalte sind nicht mehr mit hohen Investitionen verbunden. Das Selbstverständnis des Journalismus/Entertainers bekommt seiner Schlüssellochfunktion zurück – zum Glück. Journalistische Qualität bleibt weiter möglich, neu hinzu kommt Multilevel-Veröffentlichung von jedermann, was Podcasting von konventionellen Medien unterscheidet.
3. Podcasting ist die Gesellschaft ist Podcasting.
Für viele Menschen in der westlichen Welt gehören Podcasts zum Alltag. Sie sind so selbstverständlich wie Telefon oder Fernsehen. Wenn Podcaster weiter expandieren wollen, müssen sie die Lebenswelt der Nutzer verstehen und sich ihrer Kommunikationsformen annehmen. Dazu gehören die sozialen Grundfunktionen der Kommunikation: Zuhören und Reagieren, auch bekannt als Feedback.
4. Die Freiheit der Podcasts ist unantastbar.
Die offene Architektur des Internet bildet das informationstechnische Grundgesetz einer digital kommunizierenden Gesellschaft und damit des Podcastings. Sie darf nicht zum Schutz der wirtschaftlichen oder politischen Einzelinteressen verändert werden, die sich oft hinter vermeintlichen Allgemeininteressen verbergen. Zugangssperren gleich welcher Form gefährden den freien Austausch und beschädigen das grundlegende Recht auf selbstbestimmte Kommunikation.
5. Podcasting ist der Sieg der Information.
Bisher ordneten, erzwungen durch die unzulängliche Technologie (Radio/Fernsehen), Institutionen wie Rundfunkanstalten, Forschungsstellen oder öffentliche Einrichtungen die Informationen der Welt. Nun richtet sich jeder Bürger seine individuellen Medienrezeptionsfilter ein, während Suchmaschinen Podcastmengen in nie gekanntem Umfang erschließen. Der einzelne Mensch kann sich so gut informieren/unterhalten lassen.
6. Podcasts verändern verbessern den Journalismus.
Durch das Podcasting kann der/das Journalismus/Entertainment seine gesellschaftsbildenden Aufgaben auf neue Weise wahrnehmen. Dazu gehört die Unveränderlichkeit des Gesendeten als konservierbare Wegwerfware. Wer in dieser neuen Informationswelt bestehen will, braucht neuen Idealismus, neue journalistische/unterhaltende Ideen und Freude am Ausschöpfen der neuen Möglichkeiten.
7. Podcasts verlangen Vernetzung.
Links sind Verbindungen. Rechts hingegen? Wir kennen uns durch Podcasts. Wer sie nicht nutzt, schließt sich aus dem gesellschaftlichen Diskurs aus. Das gilt auch für die Online-Auftritte klassischer Medienhäuser.
8. Links lohnen, O-Töne zieren.
Suchmaschinen und Aggregatoren fördern die Verbreitung. Sie erhöhen langfristig die Auffindbarkeit von gepushten Inhalten und sind so integraler Teil der neuen, vernetzten Öffentlichkeit. Referenzen durch Verlinkungen und O-Töne – auch und gerade ohne Absprache oder gar Entlohnung des Urhebers – ermöglichen überhaupt erst die Kultur des vernetzten Gesellschaftsdiskurses und sind unbedingt schützenswert.
9. Der Podcast ist der neue Ort für den politischen Diskurs.
Demokratie lebt von Beteiligung und Informationsfreiheit. Die Überführung der politischen Diskussion von den traditionellen Medien ins Podcasting und damit die Erweiterung dieser Diskussion um die scheinbare Beteiligung der Öffentlichkeit ist eine neue Aufgabe des Journalismus/Entertainments.
10. Pressefreiheit für alle.
Artikel 5 des Grundgesetzes konstituiert kein Schutzrecht für Berufsstände oder technisch tradierte Geschäftsmodelle. Das Podcasting hebt die technologischen Grenzen zwischen Amateur und Profi auf. Deshalb muss das Privileg der Pressefreiheit für jeden gelten, der zur Erfüllung der journalistischen/Entertainment-Aufgaben beitragen will. Qualitativ zu unterscheiden ist nicht zwischen bezahltem und unbezahltem, sondern zwischen gutem und schlechtem Podcast.
11. Mehr ist mehr – es gibt kein Zuviel an Podcasts.
Bei der Erfindung des Buchdrucks wurde vor einer Flut unüberprüfter Informationen und Anregungen gewarnt. So war es immer, wenn ein neues Medium hervortrat. Wie sollen wir denn beweisen, dass mehr Podcasting zu mehr Freiheit führt – sowohl für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft, wenn nicht durch eigenes Vorleben? Daran hat sich bis heute nichts geändert.
12. Podcasting bekommt ein Geschäftsmodell – die Flatrate
Mit journalistischen/unterhaltenden Inhalten lässt sich im Internet Geld verdienen. Dafür gibt es bereits heute viele Beispiele. Das Podcasting erfordert aber neue Geschäftsmodelle. Niemand sollte versuchen, sich dieser notwendigen Entwicklung durch eine Politik des Bestandsschutzes zu entziehen. Podcasting braucht einen offenen Wettstreit um ausreichende Lösungen der Refinanzierung im Netz und den Mut, in ihre Umsetzung zu investieren. Eine Podcaster-Flatrate aus Steuergeldern erscheint erfolgversprechend und sollte mit dem Bürgergeld und der Kopfpauschale des Gesundheitssystems verrechenbar sein.
13. Im Internet wird das Urheberrecht zum Alptraum.
Das Urheberrecht ist ein äußerster Eckpfeiler der Verteilungsordnung unserer Gesellschaft und verhindert Kreativität und Leistung für die Gesellschaft in Größenordnungen. Das Recht der Urheber und der Besitzer übertragener Nutzungsrechte, über Art und Umfang der Verbreitung von ihnen der Gesellschaft zur Nutzung überlassener Inhalte nachträglich noch weiter zu entscheiden, um ohne zusätzliche Leistung Profit zu erzielen, gehört abgeschafft. Dabei muss das Urheberrecht als Vehikel dienen, Schöpfer angemessen zu entlohnen. Digitales Eigentum ist per se unmöglich und wird auch durch verbrämte Besitzstandswahrungsstrategien nicht relevanter.
14. Das Podcasting kennt viele Währungen.
Werbefinanzierte journalistische/unterhaltende Podcast-Angebote tauschen Inhalte gegen Aufmerksamkeit für Werbebotschaften. Die Zeit eines Zuschauers oder Zuhörers hat einen Wert. Dieser Zusammenhang gehört seit jeher zu den grundlegenden Finanzierungsprinzipien für Journalismus/Unterhaltung. Andere Formen der Honorierung wollen erkannt, entdeckt und erprobt werden.
15. Was im Netz ist, fliegt auch wieder raus.
Das Podcasting hebt den/das Journalismus/Entertainment auf eine qualitativ neue Ebene. Im Podcast müssen Texte, Töne und Bilder nicht mehr flüchtig sein, dürfen es jedoch dennoch. Bleiben sie abrufbar, werden sie so zu einem Archiv/Müllhaufen der Zeitgeschichte. Die Gesellschaft muss die Entwicklungen der Podcasts, ihre Interpretation und den Irrtum dabei mitberücksichtigen.
16. Qualität bleibt die wichtigste Dingsda.
Das Internet entlarvt gleichförmige Massenstatements. Ein Publikum gewinnt auf Dauer nur, wenn es spielt und dabei „aufs richtige Pferd setzt“. Die Ansprüche der Nutzer sind vorhanden. Das Podcasting muss sie erfüllen und keinen oft formulierten Grundsätzen treu bleiben.
17. Jeder für jeden.
Das Podcasting stellt ein Massenmedium des 21. Jahrhunderts dar: Die “Generation <Hier Ihren Namen eintragen>” weiß im Zweifel die Glaubwürdigkeit einer Quelle geringzuschätzen, Nachrichten bis zur Unkenntlichkeit wiederzukäuen, zu übermitteln und überzubewerten – für sich oder in der Gruppe. Journalisten/Entertainer mit Standesdünkel und ohne den Willen, diese Fähigkeiten zu respektieren, werden von diesen Nutzern ernst genommen. Zu Recht. Das Podcasting macht es möglich, indirekt mit den Menschen zu kommunizieren, die man Leser, Zuhörer oder Zuschauer nennt – und ihr Wissen zu nutzen. Nicht der besserwissende, sondern der kommunizierende und hinterfragende Podcaster ist gefragt.
Podcastosphäre, 21.10.2009
Bei diesem Text handelt es sich eindeutig um ein satirisches Produkt, welches (scheinbar) die Arbeit der Urheber missachtet. Das darf Satire. ;-p
(Wer zeichnen möchte sollte das tun. Kommentare sind ebenfalls möglich.)
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