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Note

Welt-Erzähler

Über Cormac McCarthy bin ich gestolpert, weil die Gebrüder Cohn seinen Roman „No Country for old Men“ so genial verfilmten. Was für Dialoge! Dann habe ich das Buch gelesen und war erstaunt, die standen da eins zu eins so drin. Dazu die Erzählkunst, das Sujet, die Liebe, mit denen die Figuren erschaffen werden, der Mut und die Potenz in den Abgrund der westlichen Welt zu schauen und ihn zu artikulieren, und schließlich das Bewusstsein, mit für das menschliche Narrativ verantwortlich zu sein. Zu sehen und kunstvoll zu sagen, was ist. Bis zur Unerträglichkeit. Die Straße zum Beispiel habe ich nicht zu Ende gelesen.

Die Border-Trilogie habe ich einem alten Mann, der sein Leben lang Westernhefte gelesen hatte, geliehen und niemals zurück bekommen. Hab ich mir auf Englisch besorgt. Ich wollte Cormac McCarthy im Original lesen können. Ich wollte ein Gefühl für die englische Sprache haben, nicht bloß Kenntnisse.

Das hat mich Jahre gekostet. Ich schreibe jetzt englischsprachige Liedtexte, und ich verstehe einigermaßen, was die zwischen den Zeilen ausdrücken. Ich teile jetzt Cormac McCarthys Auffassung, das ist nur eine Welt-Erzählung gibt und wir alle einen Ausschnitt davon schreiben. Das bedeutet: der Mensch ist ein kulturelles Wesen. Die Kultur ist Teil seines Wesens, ohne die kann er nicht existieren. Wir verständigen uns darüber schriftlich und in jeder anderen, möglichen Erzählweise.

Was wir uns erzählen ist wichtig. Dass wir nicht wegschauen ist wichtig. Unsere Unterhaltung ist ständiger Teil unserer Sinnsuche und des Weltverständnisses. Ich habe seitdem jedes neue Buch von Cormac McCarthy mit Spannung erwartet. Sein letztes, Stella Maris, ist ein Dialog einer Mathematikerin mit einem Therapeuten in einer Anstalt.

Am 13. Juni, diesen Dienstag, hat sich Cormac McCarthy in die Nacht aufgemacht. Wenn man dort ruht, soll er es in Frieden tun.

AndersenStorm.230616.Schwerin

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